Manaslu - Mountain of Spirit

Foto: (c) Jürgen Winkler

Wer die Besteigungsgeschichte der Achttausender genau betrachtet, dem wird eines nicht verborgen bleiben: Es gibt Berge im Himalaya und im Karakorum, die sind auf eigenartige Weise über viele Jahre mit den Berg- steigern einer einzigen Nation eng verbunden. Der Mount Everest mit den Engländern, der Nanga Parbat mit den Deutschen, der Chogori (K2) mit Italienern und Amerikanern...

In diese Reihe passt auch der Manaslu. Geografisch im Himalaya-Hauptkamm zwischen der Annapurna im Westen und der Shisha Pangma im Osten gelegen, wurde das Massiv mit dem unübersichtlichen Gipfelplateau so etwas wie ein “japanischer Berg“. Vielleicht hat es besondere Gründe dafür gegeben, vielleicht aber waren sie ganz banal. Im Namen “Manaslu“ taucht – unüber- hörbar - der für Asiaten nur schwierg auszusprechende, rollende Buchstabe “R“ nicht auf! Bei den Belgen Gashelblum, Evelest, Annapulna, Dhaulagili, Nanga Palbat, Bload Peak und Chogoli (K2) hätten die kleinen, meist wieselflinken Asiaten möglicherweise nicht nur mit der ersten Besteigung Schwierigkeiten gehabt. Vielleicht wären sie auch mit ihren Zungen “etwas ins Rotieren geraten“!

Aus welchen Gründen auch immer: Von der ersten japanischen Erkundungsexpedition im Jahre 1952 bis zur dritten Besteigung im Vormonsun 1971 war nur eine “fremde“ Expedition am Berg. Die erste Besteigung des Manaslu gelang dann folglich auch japanischen Bergsteigern, und zwar im

fünften Anlauf. Besonders erwähnenswert: Mit auf dem Gipfel stand Sherpa Gyaltzen Norbu (auch, aber falsch: Galalzen Norbu; Gyalzen Norbu), dem ein Jahr zuvor als Mitglied einer französischen Gipfelmannschaft die Erstbesteigung des Makalu (8463 m) gelungen war! Norbu wurde zwar nicht weltberühmt wie seine Kollegen Pasang Dama Lama (Erstbesteigung des Cho Oyu) oder Tenzing Norgay (Erstbesteigung des Mount Everest), aber er war der erste Mensch, dem - wenn auch mit Flaschensauerstoff - die Erstbesteigung zweier (!) Achttausender gelang. Ihm folgten Hermann Buhl (1953, 1957) und Kurt Diemberger (1957, 1960). Gyaltzen Norbu starb später am Langtang Lirung (7234 m) unter einer Eislawine.

Eine lokale Bezeichnung für den achthöchsten Berg der Erde ist Kutan I. Sie wird heute aber nahezu nicht mehr verwendet. Der Name Manaslu hat seinen Ursprung im Sanskrit, der alten indischen Schriftsprache, die bereits im 6. Jahrhundert vor Christi als Volksprache ausgestorben ist. Dort findet man den Begriff  “Manasa“. Die Übersetzung von Manaslu ist nicht ganz unumstritten. Sie kann bedeuten: “Berg der Seelen“; andere nennen ihn “Seele des Himalaya“. Selbst der große Himalaya-Chronist der fünfziger Jahre, Günter Oskar Dyhrenfurth, machte bei der Nomenklatur der hohen Gipfel des Himalaya und des Karakorum einen großen Bogen um den Berg Manaslu. Er nennt das ihn behandelnde Kapitel in seinem Standardwerk “Der dritte Pol“ klugerweise “Beiderseits des Buri Gandaki“, und begibt sich damit nicht auf dünnes Eis, sondern bezieht sich ganz allgemein auf die Region Manaslu, Ganesh-Himalaya und auf das Massiv des Himal Chuli (7864 m). Im englischen nennt man den Manaslu “Mountain of Spirit“, wörtlich übersetzt “Berg des Geistes“. Dabei ist natürlich kein “Spukgespenst” gemeint, sondern eine andere Geistigkeit!

Vergleichsweise ist der Manaslu ein “leichter“ Achttausender. Hans Kammerlander: “Der Weg auf den Manaslu ist über weite Strecken reines Gehgelände.“ Dass er aber nicht nur ein leichter “Mountain of Spirit“ ist, sondern auch zu einem Schicksalsberg werden kann, beweisen mehrere Episoden, die den “Weg auf des Messers Schneide“ beim Höhenbergsteigen und den Tod am Berg in all seinen Facetten schildern.

Wir schreiben das Jahr 1972. Der junge Reinhold Messner ist noch nicht der “Magier des Höhenbergsteigens“, den wir ihn zehn Jahre später kennen werden. Nach Genesung seiner Nanga Parbat–Erfrierungen bricht er im Vormonsun zu seinem zweiten Achttausender auf. Leiter der Expedition ist der Österreicher Wolfgang Nairz. Dem Team, so Messner später, war es “...dank der Begeisterung und der Erfahrung aller möglich, eine Route durch die äußerst schwierige 4000 Meter hohe Südwand des Manaslu zu legen“. Am 25. April steht er auf seinem zweiten Achttausender. Er beschreibt ihn so: “Ein Felszacken, einige Nebel, ein Häufchen Steine. Das war der Gipfel. Knapp darunter zwei Haken und Fetzen einer gewesenen Flagge...“ Messner schlägt einen der Gipfelhaken heraus, steckt ihn als Beweis seiner Besteigung ein und beginnt mit dem Abstieg. Gefährte Franz Jäger war längst vorher umgekehrt. Im einbrechenden Nebel und im Sturm irrt Messner über das riesige Gipfelplateau, hört die Stimme Jägers, sucht, und findet schließlich das rettende Zelt mit den nachgerückten Bergsteigern Horst Fankhauser und Andi Schlick. Aber Jäger ist nicht da! Fankhauser und Schlick beginnen auf dem Plateau mit der Suche, Schlick geht im Sturm verloren, Fankhauser überlebt die Sturmnacht bei Minus 30 Grad in 7500 Meter Höhe in einer Schneehöhle. Schlick und Jäger werden nie mehr gesehen. Traurige Paralelle: Zwei Wochen vorher hatte eine koreanische Expedition auf der Nordseite fünf Teilnehmer und zehn Sherpas durch ein Lawine verloren.

Auch die erste erfolgreiche Frauenexpedition an einem Achttausender (1974) hatte am Manaslu ein Opfer zu beklagen. Es waren Japanerinnen, und von Frau Suzuki fand man nahe des vierten Lagers (6550 m) nur noch ihren Eispickel, die Sauerstoffflasche und den Rucksack. Etwas weiter entfernt lagen eine rote Daunenjacke und der Anseilgurt...

Ähnliche Tragödien hat es am Manaslu immer wieder gegeben. Besonders schlimm traf es dabei Hans Kammerlander im Mai 1991. Er hatte viel schlechtes Wetter zu ertragen – und er verlor zwei seiner besten Freunde. Kammerlander zum Wetter: “Ein paar tausend Kilometer entfernt tobte zu dieser Zeit der Golfkrieg. Der Irak hatte (...) bei der Invasion in Kuweit die Ölfelder in Brand geschossen. (...) Experten vermuten noch heute, dass die Ursachen für das anhaltend schlechte Wetter in den Bergen des Himalaya auf die Auswirkungen des Golfkrieges zurückzuführen waren. Von den brennenden Ölfeldern stieg die verschmutzte, rußige Luft auf und wurde vom Wind vor allem nach Osten getragen. (...) Die Schmutzpartikel in der Luft sorgten für eine außergewöhnlich hohe Erhitzung der Atmosphäre und ermöglichten so die Bildung von Gewittern in Höhen, in denen dies bis dahin fast als unmöglich galt“.

Hans Kammerlander, Friedl Mutschlechner und Karl Großrubatscher hatten am 10. Mai ihren Gipfelversuch aus verschiedensten Gründen bereits abgebrochen, als Karl Großrubatscher durch einen tragischen Unfall ums Leben kommt.

Kammerlander und Mutschlechner kämpfen sich durch immer schlechter werdendes Wetter nach unten – und geraten in ein infernalisches Gewitter. Zwischen den Lagern zwei und eins wird Friedl Mutschlechner – am Seil mit Hans Kammerlander verbunden - vom Blitz erschlagen.

Foto: (c) Jürgen Winkler

Kammerlander beschreibt die grauenvollen Momente im dichten Nebel und ganz nahe am Rande des Lebens nach Blitz- und Donnerschlag so: “An den Boden gedrückt, robbe ich am Seil zu ihm hin. (...) Als ich ganz nah bei ihm war (...) sah ich ihn flach im frischen Schnee liegen. Ich nahm seinen Kopf in beide Hände und  drehte sein Gesicht zu mir. “Friedl“, flüsterte ich nun, “Friedl, was ist mit dir.“ Er bewegte sich nicht, und er atmete auch nicht mehr. Er war nicht bewußtlos. Friedl war tot. Seine Augen starrten mich an. Sein Blick war gebrochen.“ Der letzte Überlebende des Gipfelteams kämpft sich allein nach unten durch. Kammerlander, der bis dahin acht Achttausender bestiegen hatte, klettert noch auf fünf weitere, und hat nun dreizehn auf seinem Gipfelkonto. Zum Manaslu kehrt er nicht mehr zurück.

Die beschriebenen Tragödien am Manaslu sind in der Welt der großen Berge keine Einzelfälle. Allein in den letzten zwei Jahrzehnten ist eine ganze Welt-Elite an den Achttausendern umgekommen: Reinhard Karl am Cho Oyu, Peter Boardman und Joe Tasker am Mount Everest, Jerzy Kukuzcka am Lhotse, Wanda Rutkiewitz und Benoit Chamoux am Kanchenzönga, Anatoli Boukreev an der Annapurna, Alan Rouse und Alison Heargraeves am K2, Karl Unterkircher am Nanga Parbat... Die Liste ist variabel, und sie ist fortsetzbar! Seit Albert Frederik Mummery im Jahre 1895 (!) den ersten Versuch wagte, am Nanga Parbat (8125 m) den Gipfel eines Achttausenders zu erreichen, sind an den vierzehn Riesen des Himalaya und des Karakorum mehr als 600 Menschen ums Leben gekommen. Ein hoher Preis für  “den Sieg des Menschen über die große Höhe“. Und nicht nur der Manaslu, sondern jeder Achttausender, ist ein Berg der Schicksale schaffen kann. So oder so... 

Meilensteine

Grußkarte von Kammerlanders unglücklicher Manaslu- Expedition 1991. Am linken Rand die Unterschrift Mutschlechners

Manaslu - 8163 Meter

1950 J.M.O. Roberts (GB) überschreitet den Larkya Bhanjyang Pass und berichtet von einer direkten Route auf das Gipfelplateau des Manaslu.

1950/51 Dr. Toni Hagen (CH) fotografiert den Manaslu aus der Luft von Südosten.

1952 Japanische Erkundungsexpedition, Leitung K. Imanishi.

1953 Japaner erreichen 7750 Meter, Leitung Y. Mita.

1954 Japaner Expedition erreicht nur die Ortschaft Sama. Dort wird sie durch einen Aufstand der Bevölkerung aufgehalten. Sie befürchtet bei Betreten des heiligen Berges den Zorn der Götter, Lawinen und Pestilenz.

1955 Japaner reservieren sich durch zwei Unterhändler in Kathmandu die Rechte für die Manaslu-Erstbesteigung für den Nachmonsun 1955 und den Vormonsun 1956.

1956 Erste Besteigung des Manaslu durch Japaner unter der Leitung von Y. Maki. Am Gipfel T. Imanishi und Sirdar Gyalzen Norbu (9.5.) und M. Higeta und K. Kato (11.5.). Route: Manaslu Gletscher, Naike Col, North Col, Plateau.

1971 Neue Route (Japaner unter A. Takahashi) über die NW-Wand und den Westgrat. Gipfel K. Kohara und M. Tanaka (17.5.).

1972 Österreichische Expedition erfolgreich, Leitung W. Nairz. Der Südtiroler Reinhold Messner (25.4.) auf dem Gipfel, Franz Jäger und Andi Schlick vermisst. Südkoreanische Nordwand-Expedition (Leitung Ho Sup Kim) verliert fünf Teilnehmer und 10 Sherpas durch eine Lawine.

1974 Erfolgreiche japanische Frauenexpedition. Auf dem Gipfel: M. Uchida mit Sherpa Jambu, M. Mori mit N. Nakaseko (4.5.), T.Ito mit T. Suzuki (5.5.). Suzuki kehrt nicht zurück.

1991 Tragische Kammerlander-Expedition. Die Südtiroler Karl Großrubatscher (Absturz) und Friedl Mutschlechner (Blitzschlag) kommen um.

2000 Kommerzielle AMICAL-Expedition mit Ralf Dujmovits und von Rotz bringt 8 Teilnehmer auf den Gipfel.

2002 Die US-Amerikanische Expedition mit Tom Fitzsimmons (Team Leader), Scott Boettcher, Jerome Delvin, Michael McGuffin, Dan Percifal und Brian Sato folgt den Spuren der Erstbesteiger von 1956. Fünf Teilnehmer und zwei Sherpas auf dem Gipfel.

 

Wanted

Steckbrief

Gipfel: Manaslu (engl.: Mountain of Spirit), Kutan I.

Höhe: 8163 m.

Land: Nepal.

Zeit: Vormonsun/Nachmonsun.

Ausgangspunkt: Kathmandu.

Basislager: Ursprügl. 3850 m, heute in 4750 m. Nicht ganz ungefährlich. Mit dem Auto (Jeep) bis Gorkha, dann 10 Tage Anmarsch. Oder: Flug mit dem Helicopter bis Sama (Gompa); dann in einem Tag.

Normalroute: Japanerroute von Nordost über Naike Col und North Col.

Bestimmungen: Staatliches Permit.

Kosten: Amical alpin 9240 Euro (Katalog 2009).

Das Buch zum Berg: Hans Kammerlander: Bergsüchtig (mit drei Kapiteln zum Manaslu), Piper Verlag, München 1999.